Deutscher Leichtsinn?

(c) Ahijah Ndomba

„In Deutschland erzählen sie euch, dass Äthiopien ein Riesenmarkt mit enormen Möglichkeiten ist. Ja das stimmt auch, aber du solltest auch gucken, ob dieser Riesenmarkt für dich zutrifft. Es nützt nichts, sich nur oberflächlich mit den Märkten auseinanderzusetzen, du musst schon etwas tiefer schauen und aufpassen.“

Auf dem ersten Blick erscheint die Aussage des deutschen Geschäftsführers, der die älteste Apotheke Äthiopiens in zweiter Generation betreibt, deprimierend. Auf dem zweiten Blick ist die Message hinter dieser Aussage Gold wert. Mein Kontakt spricht aus Erfahrung. Er selbst lebt seit knapp 53 Jahren in Addis Abeba und hat das im Jahre 1947 etablierte Unternehmen von seinem Vater übernommen. Wenn einer die Geschäftspraktiken Äthiopiens beurteilen kann, dann er. Natürlich bietet Äthiopien aufgrund seiner natürlichen Ressourcen, der rasant steigenden Bevölkerungsanzahl und der sehr jungen Gesellschaft viele Möglichkeiten für Unternehmen. Unternehmer sollten jedoch nicht vergessen, dass dies nicht automatisch heißt, dass sich ihre Produkte wie am Fließband verkaufen. Es gibt einige Variablen die man beachten sollte, allen voran die Konkurrenz aus China und Indien und die Regierung. Gerade in den von uns identifizierten Branchen spielen diese beiden Variablen eine wichtige Rolle. Große Energie- oder Bauprojekte werden grundsätzlich über Regierungsausschreibungen in einem umkämpften Wettbewerbsverfahren gewonnen. Laut meinem Kontakt kann der äthiopische Markt schon als „price sensitive“ charakterisiert werden. Dies schränkt die Möglichkeiten von deutschen Unternehmen ein, deren primärer USP (Unique Selling Point) in Äthiopien in der Qualität zu sehen ist.

Ein weiteres Hindernis besteht in den Steuerregulierungen für aus dem Ausland importierte Ware in Äthiopien. Jedes Produkt wird anders besteuert, wobei es auf mich bisher den Eindruck macht, dass es keine steuerlichen Obergrenzen gibt (Kraftfahrzeuge werden bspw. mit bis zu 400% besteuert). Um etwas mehr über die Steuerregularien zu erfahren, habe ich mich am nächsten Tag wie am Vortag vereinbart mit dem Leiter der Investitionsabteilung des Europäisch-Äthiopischen Forums getroffen. Der Leiter hat mir mitgeteilt, dass die meisten internationalen Unternehmen an den Steuern scheitern, da dort viele Fehler gemacht werden, die sich langfristig auf das Geschäft in Äthiopien auswirken. Er hat mir geraten, dass sich internationale Unternehmen auf einen langen Prozess einstellen sollten, da einige Vorhaben mehrere Instanzen durchlaufen müssen.

Der finanzielle Sektor in Äthiopien stellt ebenfalls eine Hürde für internationale Unternehmen dar, da Unternehmen beispielsweise nicht sofort auf ihre Gewinne zugreifen können. Um mehr über den finanziellen Sektor zu erfahren, habe ich mich in der nächsten Woche mit einem äthiopischen und einem deutschen Bänker verabredet.

Zurzeit besuche ich verschiedene Unternehmen in unseren schwerpunktmäßigen Branchen, um eine realistische Einschätzung über die Produkte, die Lieferzeit und die Professionalität der identifizierten Unternehmen zu erhalten. Die größte Schwierigkeit besteht in Äthiopien darin, dass es anders als wir es in Europa gewohnt sind, keine festen Adressen gibt. Wie ich diese Hürde überwinde?

Mehr dazu im nächsten Blog-Eintrag.

Bleibt gesund!

Euer
Ahijah